Der größte Berg der Stadt wird 70

(NGZ) Die Vollrather Höhe ist seit Jahrzehnten eine Landmarke: Grevenbroicher, die den künstlich angelegten Berg aus der Ferne entdecken, wissen: „Bald bin ich wieder zu Hause.“ Dass die Abraumhalde weithin sichtbar ist, liegt daran, dass die Region eigentlich durch eine recht flache Landschaft geprägt ist. Was sich heute die allermeisten kaum mehr vorstellen können: Auch an der Stelle, an der heute die Höhe liegt, war mal „plattes Land“.

Das ist allerdings 70 Jahre her. Es war 1955, als mit der Aufschüttung der Vollrather Höhe begonnen wurde, mit Abraum aus dem Braunkohletagebau. Ein Kenner der Geschichte der Halde ist der Allrather Rolf Esser, Heimatforscher und Dorfchronist. Er hat jetzt im neu gestalteten Kirchenraum im Dorf einen Vortrag gehalten, zu dem die Dorfgemeinschaft „Allrath aktiv“ in Kooperation mit dem Geschichtsverein Grevenbroich geladen hatte. Das Interesse: ziemlich groß. Es kamen so viele Besucher, dass zusätzliche Stühle in den Saal geschafft werden mussten.

„Ein Berg vor der Haustür“ – so hatte Esser seinen mit zahlreichen historischen Fotos und Kartendokumenten gespickten Vortrag genannt und „einen kurzweiligen Abend“ versprochen. In der Tat zeigt die Historie des künstlichen Bergs, wie vielfältig sich die Landschaft um Grevenbroich in den ersten Nachkriegsjahren entwickelte.

Zunächst die Fakten: Die Vollrather Höhe, manchmal auch Allrather Höhe genannt, ist eine beim Aufschluss des damaligen Braunkohlentagebaus Frimmersdorf entstandene Abraumhalde. Sie wurde in den Jahren 1955 bis 1968 aufgeschüttet und ist seit 1973 öffentlich zugänglich. Das Plateau auf 165 Metern Höhe wird größtenteils landwirtschaftlich genutzt. Die Landwirte erreichen ihre weiterhin lösshaltigen Äcker über mehrere rundum führende Trassen.

Als Rolf Esser in seinem Vortrag den Begriff Lössboden erwähnte, ging ein verständnisvolles Raunen durch den Saal. Die meist älteren Gäste hatten noch in der Schule gelernt, dass Löss eine Kostbarkeit für den Ackerbau ist. Er macht die Böden im Rheinland besonders fruchtbar.

Im Übrigen musste sich der Heimatforscher seine Informationen eher mühsam zusammensuchen. Bei den Betreibern des Tagebaus hatte man sich kaum mit der historischen Dimension des gigantischen Unterfangens beschäftigt. Als Quellenmaterial dienten so immer wieder auch Artikel aus der Neuß-Grevenbroicher Zeitung, in der regelmäßig über die Vollrather Höhe und auch über die sich aus der Aufschüttung ergebenden Folgen berichtet wurde.

Im Juli 1958 berichtete die NGZ beispielsweise, dass das Gut Vollrath weggebaggert worden war. Überregional raunte die Zeitung „Welt“ bereits von dem „größten künstlichen Berg Europas“ und kommentierte: „Die Stadt Grevenbroich kann sich kaum etwas Besseres wünschen.“ Über die Details der Planungen wurde die Bevölkerung indes von den Behörden kaum informiert. Man war einfach noch obrigkeitsgläubig – und hinterfragte wenig.

Eine beunruhigende Nachricht bezog sich allerdings auf die Menge an Grundwasser, das für den Bergbau abgepumpt werden musste. Es ging um Milliarden von Kubikmetern. Tatsächlich gab es dann bald die ersten Überschwemmungen, in dieser Zeitung als „Katastrophe von Allrath“ gemeldet. Insgesamt wurden in den 13 Jahren 268 Millionen Kubikmeter Erde aufgeschüttet. Glücklicherweise gab es bis heute keine größeren Bergrutsche.

Namensgebend für die Abraumhalde, damals auch „Kippe“ genannt, ist das Gut Vollrath, das bis 1953 an dieser Stelle stand. Ein Gedenkstein erinnert an die genaue Stelle. Verlegt wurde auch das Wegekreuz „Vollrather Höhe“. Ursprünglich stand dieses am Flothgraben zwischen Allrath und Barrenstein, in unmittelbarer Nähe zum Bahndamm der Eisenbahnverbindung Mönchengladbach über Grevenbroich nach Köln. Ebenfalls nicht mehr in ihrem Ursprungsort sind die „Drei Linden“. Dafür gibt es eine Erinnerungstafel. Rolf Esser erzählte von einer Sage, nach der eine zu Unrecht zum Tode verurteilte Jungfrau vorausgesagt haben sollte, dass an ihrer Verurteilungsstätte drei Linden wachsen würden.

Kurios wirkte eine präsentierte Zeitungsmeldung vom Weggang des letzten „Schweizers“ aus Gut Vollrath. In Anlehnung an die beim Vatikan als Papstschützer tätige Schweizer Garde erfüllten in jenen Jahren Gläubige mit Ornat und Hellebarde ehrenamtlich den Ordnungsdienst in katholischen Gotteshäusern. Der „Schweizer“ auf Gut Vollrath war hingegen ein Melker. Über die Familie des letzten Gutsbesitzers führen Spuren bis nach Neuseeland, wo ein Nachfahre mit dem Gutsnamen als Qualitätsausweis Pferde züchtet.

Seit Mitte der 1990er Jahre wird die Vollrather Höhe auch für die Erzeugung von Strom aus Windenergie genutzt. Die anfangs errichteten 13 Windkraftanlagen wurden 2016 durch neue ersetzt, die eine Leistung von je 2,5 Megawatt haben.

Auch wenn Spötter die Vollrather Höhe als überdimensionierten Maulwurfhügel bezeichnen: Wer einmal die rund zweieinhalb Kilometer bis zum „Gipfel“ mit dem Rad befahren hat, hat Demut gelernt und weiß es besser. „Willkommen im Alpe d’Huez von Grevenbroich“, hieß es schon zu diesem sportlichen Thema. Ein Projekt, das noch auf seine Verwirklichung wartet, ist ein Aussichtsturm mit einer Höhe von 30 Metern. Versprochen wird ein spektakulärer Blick bis hin zum Tagebau, der längst nach dem Ort Garzweiler benannt und einige Kilometer weiter gen Westen „gewandert“ ist.

Teile diesen Beitrag:
Facebook
Twitter
WhatsApp
error: Inhalt ist geschützt !!

Gemeinsam Leben retten!

Standorte der Defibrillatoren

(siehe Karte)

Bitte wählen Sie zuerst immer den Notruf 112

Erklärvideo

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Defibrillator am
FASA (Haupteingang),
Allrather Platz 12

Defibrillator an der
Grillhütte, Bongarder Str.
(Kirmesplatz)